Aktionen auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz 1990-2005

Interview mit Folke Köbberling

Folke Köbberling, 1969 geboren in Kassel.

Studium der Freien Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste , Kassel und am Emy Carr Institute of Art & Design, Vancouver/Kanada.

Die Künstlerin lebt in Berlin und hat seit 2006 einen Lehrauftrag an der Universität der Künste, Berlin.


Christoph Bannat (C.B.): Wie sind Sie auf den Wettbewerb aufmerksam geworden?

Plakat

Plakat, 1995

Folke Köbberling (F.K.): Ich bin 1995 nach Berlin gezogen und habe die Ausschreibung eher zufällig bei der NGBK gefunden. Das Thema war „Zurückbleiben“. Ich war zuvor nie am Alexanderplatz gewesen und bin dann hingefahren und habe mir überlegt, was man da machen könnte. Der Alexanderplatz war zu der Zeit, wie heute noch, eine Baustelle. Zur gleichen Zeit habe ich Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ gelesen, und da gibt es eine Stelle, wo eine Baustelle beschrieben wurde. Diesen Text habe ich für die Plakatfläche thematisiert, in einer Art Frottage- und Montagetechnik.

C.B.: Das war zu der Zeit, als noch 32 Plakate für jeweils einen Künstler zur Verfügung standen.

F.K.: Ja, das war ganz spannend. Ich bin 4 Wochen lang fast täglich von Neukölln durch ganz Berlin nach Buch gefahren, um dort in einer Halle mit all den anderen Künstlern an meinem Plakat zu arbeiten. Schicht für Schicht mit Kleber und Text.

C.B.: Sie haben dann noch einmal einen Wettbewerb gewonnen.

Plan

„Common Place“-Plan

F.K.: Das war 2000, als es um das Thema Alexanderplatz ging, mit der Fragestellung, wie der Platz eigentlich wahrgenommen wird. Dabei ging es um den städtebaulichen Entwurf Alexanderplatz und wie dieser von der Bevölkerung empfunden wird. Im Jahr 2000 sollte der Platz nach einem Masterplan von Kollhoff in ein Ensemble mit Hochhäusern umgewandelt werden. Ich wollte, dass die Leute den Alexanderplatz in seiner damaligen Form als Freilichtmuseum wahrnehmen. Ich habe im Fahrkartenschalter eine kostenfreie Gepäckaufbewahrung eingerichtet. Die Leute bekamen im Austausch für ihr Gepäck einen Stift, einen Plan und eine Tüte und sollten ihre Gedanken und Erinnerungen zum Alexanderplatz aufschreiben.

C.B.: Wie war die Resonanz?

F.K.: Zuerst hatte ich einfach Angst, denn die Leute hätten ja alles und auch Mist aufschreiben können. Dadurch, dass ich das von den Passanten Geschriebene jeweils am Abend abgetippt habe und es am nächsten Tag als „Common Place“-Blatt in mehreren Kopien auf dem Bahnhof verteilte, war die Resonanz sehr groß. Die Leute haben sich zum Teil wirklich hingesetzt oder den „Common Place“-Plan mit nach Hause genommen und wunderschöne Geschichten geschrieben. Andere hatten die Texte in der U-Bahn gelesen und sind extra gekommen und haben daraufhin auch etwas geschrieben. Dann sind einige Texte in der Zeitung veröffentlicht worden. Auch dadurch hat der Titel „Verbreitung zeitgenössischer Vergangenheit“ sehr gut funktioniert. Auch, weil es den Alexanderplatz, so verändert wie er heute aussieht, im Jahr 2000 noch nicht gab. Es war zwar schon alles städtebaulich geplant, aber die Änderungen hatten damals noch nicht begonnen - deshalb der Titel: „Verbreitung zeitgenössischer Vergangenheit“.

Gepaeckannahme

Gepäckannahme

C.B.: Hattest Du eine Haltung zu den Baumaßnahmen?

F.K.: Meine Haltung, dass der Revanchismus eigentlich schon vorgeplant war, habe ich durch einem Text von Daniel Libeskind auf einem Flyer transportiert. Meiner Meinung nach war ganz klar, dass ganz bestimmte Bauten aus der DDR vernichtet werden sollten, um dem Bild einer einheitlichen Shopping-Mall Platz zu machen: Der Platz als ein globales Einkaufszentrum - das war ganz offensichtlich. Wie die Leute darauf reagiert haben, war aber unabhängig von meiner Haltung.

C.B.: Konnten Sie erkennen, woher die Leute kamen?

F.K.: Meistens haben sie aufgeschrieben, woher sie kamen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat dann versucht, das auszuwerten, und behauptet, dass die Leute aus dem Westen den Platz schrecklich und die aus dem Osten ihn gut finden. Was ich so nicht gesehen habe, denn viele Leute aus dem Westen wohnen ja im Osten. Angefangen hat es mit dem „Scheinschlag“ und der Tageszeitung (TAZ), die die Meinungen der Passanten einfach nur abgedruckt haben. Die FAZ hat dann versucht, diese zu interpretieren. Eine Auswertung, die ich problematisch fand, schließlich war es keine empirische Untersuchung, sondern ein Kunstprojekt, das Leute in der U-Bahn angesprochen hat. Besonders habe ich mich in diesem Zusammenhang über die Magisterarbeit von Michael A. Bihler („Stadt, Zivilgesellschaft und öffentlicher Raum. Das Beispiel Berlin Mitte“, LIT Verlag Münster 2004) gefreut, der in sein Buch über den Alexanderplatz alle „Common Place“-Blätter hineingenommen hat.

Alexanderplatz

 

C.B.: Sie bespielten die Gepäckaufbewahrung im Untergrund, haben aber den Alexanderplatz über Tage thematisiert, wie funktionierte das?

F.K.: Der Wettbewerb hatte vorgeschrieben, etwas unten in der U2 zu realisieren, auch wenn meine Arbeit den Alexanderplatz oben betraf. Mein „Common Place“-Plan von 2000, den ich den Leuten gab, zeigt den Platz in seiner ganzen Weite, unten und oben, sowie die geplanten Veränderungen. Das „Common Place“-Blatt für die Notizen, den Plan sowie einen Stift gab es bei der Gepäckannahme, alles in einer Tüte mit meinem „Common-Place“-Signet und der Aufschrift: Verbreitung zeitgenössischer Vergangenheit.

C.B.: Wurde ihr Projekt überhaupt im Verhältnis zur Kunst unten wahrgenommen?

F.K.: Ich denke, so ein Projekt kann man nur im Rahmen der Kunst machen, da es keine wissenschaftliche Studie oder keine empirische Untersuchung mit den Anspruch auf größtmögliche Vollständigkeit ist. Zusätzlich habe ich von allen Leuten Fotos mit meiner Signet-Plastiktüte gemacht. Es war eine partizipatorische Arbeit, bei der die Passanten zu Betrachtern und zu Aktivisten wurden, die aufgefordert wurden, über den Platz nachzudenken und ihren Standpunkt dem Gegenüber zu formulieren. Ich bot den Passanten die Möglichkeit, aus der Statistenrolle im Schauspiel namens Stadt herauszutreten und sich dazu ohne Vorgaben zu äußern. Ich denke, dass Kunst auch diese Möglichkeit bietet, den Menschen auf etwas zu stoßen, was erst nicht eindeutig ist, wie schon der Titel sagt: Verbreitung zeitgenössischer Vergangenheit.

Equipment

Common Place Equipment

C.B.: Ihre Kunstaktion ist sechs Jahre alt. Wie sehen Sie heute den Alexanderplatz?

F.K.: Der Alextreff ist weg, da ist jetzt das Cinemaxx-Kino. Die Kaufhof-Fassade ist weg und um etliche Meter nach vorne versetzt, und das ganze Gebäude als Retro-Fake wiederauferstanden. Viele haben sich über die ewige Baustelle beschwert. Die Frage ist immer noch, wie es aussieht, wenn alles fertig ist. Jetzt kommt ja noch das Alexia, ein Einkaufszentrum, dazu. Wenn ich mir das jetzt ansehe, ist der Alex nicht mehr da, also die DDR-Architektur nahezu verschwunden.

C.B.: Könnten Sie sich ein Folgeprojekt vorstellen?

F.K.: Damals habe ich gedacht, man müsste die Aufsätze ganz groß als Plakate drucken. Wie damals das Riesenplakat „Wir sind das Volk“ am Haus des Lehrers. Ich finde, in seinem damaligen Ensemble war der Alexanderplatz einmalig. Jetzt wird er ein Platz wie jeder andere auf der Welt. Ich finde es wichtig, dass das thematisiert wird. Es ist eben auch ein wichtiger Platz innerhalb der deutschen Geschichte.

Das Interview führte Christoph Bannat

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