Oranienstraße 25
10999 Berlin

Ausstellungsraum:
Täglich 12–19 Uhr
Mi–Fr bis 20 Uhr

KUNST IM UNTERGRUND 2016/17: Mitte in der Pampa

LEIDER IST DER SOCKEL DER SIEGESSÄULE IN DER NACHT ZUM 16. JUNI ABGEBRANNT.
ALLE VERANSTALTUNGEN IN HELLERSDORF FINDEN TROTZDEM WIE GEPLANT STATT.

Place Internationale mit Siegessäule, 2017, Foto: C.Leitner
Place Internationale mit Siegessäule, 2017, Foto: C.Leitner

 

www.kunst-im-untergrund.de

Hellersdorf wurde einst als moderne Gartenstadt gegründet. Nun wird hier die Internationale Gartenausstellung IGA Berlin 2017 eröffnet. Entscheidungen, die am Schreibtisch im Stadtzentrum getroffen werden, führen draußen in der ›Pampa‹ von Hellersdorf und Marzahn zu für die lokale Bevölkerung nicht immer nachvollziehbaren Realisierungen. Die geschützte Grünanlage Kienberg ist seit 2014 unter großen Protesten großräumig abgeschottet und in eine Großbaustelle

Place Internationale und Siegessäule
Zentrales Aktionsfeld des Kunstwettbewerbs ist die großläufige, von Anwohner_innen durchquerte Brach- und Wiesenfläche zwischen U-Bhf. Cottbusser Platz und Maxie-Wander-Straße. Sie dient dem Projekt als Folie, auf der sich übergreifende Widersprüche ablesen lassen und verhandelt werden können.
Die Namensgebung ›Place Internationale‹ geschah in Anlehnung an ein historisches Ereignis: Am 16. Mai 1871 wurde auf dem Pariser Platz Vendôme die Siegessäule Napoleons durch die Kommunarden gestürzt. Der Maler Gustave Courbet hatte den Denkmalsturz während der aufständischen Zeit der Pariser Commune maßgeblich initiiert. Er kritisierte das Napoleons Eroberungsfeldzügen zugedachte Monument politisch wie ästhetisch. Courbet ließ über den Rückbau demokratisch abstimmen und den Platz vor dem Sturz sogar mit Stroh und Mist auslegen. Daraufhin wurde der Platz feierlich in »Place Internationale« umgetauft: Paris erlebte eine Revolution der Stadt.

Der Place Internationale in Hellersdof wird mit einer künstlerischen Rekonstruktion einer Siegessäule markiert. In Zusammenarbeit mit lokalen Partner_innen entsteht hier ein zentraler Ort für Vermittlungsprojekte. Zu den Veranstaltungen von Mitte in der Pampa wird die Säule aufgerichtet und gestürzt.

Seit September 2016 wurde die Säule ettapenweise  durch junge Menschen aus dem benachbarten Jugendclub U5 und dem Melanchthon-Gymnasium gestaltet - in Zusammenarbeit mit der AG Kunst im Untergrund und den Künstler_innen Ulrike Dornis, Martin Eggenfellner, Katja Renner, Zuzanna Skiba und Ole Tietjen. In künstlerischen Workshops mit dem Titel „Teilhabe und Governance“ beschäftigen sich die Jugendlichen mit Gustave Courbet, Kommunarden, Revolution, Individuum, Staat und Gemeinschaft. Ihr Farbkonzept für den Sockel basiert auf den unterschiedlichen Farbnuancen menschlicher Haut. Für das Szenenband der Säule haben sich die Jugendlichen gegenseitig bei politischen Reenactments fotografiert.

Projektzentrale station urbaner kulturen
Seit 2014 betreibt die AG Kunst im Untergrund die Projektzentrale in Hellersdorf. Sie ist zur Anlaufstelle für Anwohner_innen, Initiativen und Künstler_innen geworden und wird auch von den Bürger_innen regelmäßig besucht und genutzt. Die station ist Homebase, Adresse, Treffpunkt und Standort für Debatten und Präsentationen, Archiv und Produktionsatelier.

Der internationale offene Kunstwettbewerb Mitte in der Pampa
Es werden acht künstlerische Arbeiten entlang der U5 und U55 realisiert, hauptsächlich in der Großsiedlung Hellersdorf:
Diana Lucas Drogan (Berlin), Katrin Glanz (Berlin), Claude Gomis und Saskia Köbschall (Berlin), Various & Gould (Berlin), Laura Horelli (Berlin), Anna Kowalska (Paris), Ellen Nonnenmacher und Eva Randelzhofer (Berlin), Elizabeth Wood (Vancouver)



Samstag 08 April 2017, 17.30 Uhr,
Gesprächsrunde "Soziales Grün – International? Garten? Ausstellung?"
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin (Eingang über Kastanienboulevard)

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mit Marco Clausen (Prinzessinnengarten), Frauke Hehl (Mitinitiatorin des Allmende Kontors), Marco Alexander Hosemann ("Recht auf Stadt" Hamburg), Karin Scheel (Galerie M)


Samstag 08 April 2017, 16 Uhr,
Aufrichten und Stürzen der Siegessäule auf dem Place Internationale
(Grünfläche am Bahnhof U5 Cottbusser Platz, Ausgang Carola-Neher-Str./Auerbacher Ring), Bei Regen im Jugendclub U5 (Auerbacher Ring 25, 12619 Berlin)

Donnerstag 13 April 2017, 19 Uhr,
Gesprächsrunde: < rotor >. Kunst, Nachbarschaft und Selbstermächtigung im Stadtviertel
station urbaner kulturen

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Margarethe Makovec und Anton Lederer vom Kunstzentrum < rotor > aus Graz werden über konkrete Projekte und ihre Strategien des vernetzten Handelns sprechen und anschließend über mögliche Perspektiven der station urbanen handelns diskutieren.

Seit 2009 organisiert < rotor > als Zentrum für zeitgenössische Kunst die „Kunst des urbanen Handelns" im Annenviertel. Der vielfältige und internationale Grazer Stadtteil liegt zwischen Bahnhof und Innenstadt. Zahlreiche Künstler_innen, Aktivist_innen und Bewohner_innen haben an verschiedenen Initiativen mitgewirkt und hierdurch die Veränderungen des Stadtviertels mit künstlerischen und kulturellen Praktiken ins Blickfeld gerückt.

Durch Zusammenarbeit in der Nachbarschaft agiert das Kunstzentrum < rotor > auch über die Grenzen des Kunstfeldes hinaus, indem Menschen und Organisationen verschiedenster Hintergründe in die Programmgestaltung einbezogen werden. Der öffentliche Raum ist für < rotor > ein bedeutender Ort, um Kunst allgemein stattfinden zu lassen, im Bestreben, den Kunstraum zu verlassen, Menschen aktiv mit Kunst in Kontakt zu bringen und das Publikum zu erweitern.


Samstag 01 Juli 2017, 18 Uhr,
Ausstellungseröffnung: Jihad Issa, Ulrike Küschel und Edgar Zippel »Ein Wenig Schnee (Bilder vom Stadtrand)«
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin (Eingang über Kastanienboulevard)

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Die IGA Berlin 2017 findet in Marzahn und Hellersdorf statt. In der Werbekampagne werden Architektur und Models aus ›Mitte‹ verwendet. Die Ausstellung zeigt ein Gegengewicht dazu – geschaffen von drei Künstler_innen die vor Ort genau hinsehen: Bilder von Menschen und Straßen am Berliner Stadtrand (bis Mitte September).

Jihad Issa »Das Gesicht von Hellersdorf«, vierzig Bilder auf Leinwand, 2016-17.
Jihad Issa stammt aus Aleppo und lebt in Hellersdorf. Seit 2016 portraitiert er Besucher_innen in seinem Arbeitsraum in der station urbaner kulturen. Nach der Ausstellung überlässt der Künstler die Portraits den Portraitierten. Jihad Issas sogenanntes ›Portrait Studio‹ wurde gefördert mit Mitteln aus dem Aktionsfonds »Soziale Stadt«.

Ulrike Kuschel »Ein wenig Schnee«, zehn Fotografien, 2001.
Im Jahr 2001 fuhr die Künstlerin mit der Berliner U-Bahn zu den jeweiligen Endstationen und fotografierte dort jene Stadtteile, die von den massiven innerstädtischen Umbau- und Renovierungsmaßnahmen unberührt geblieben waren. Ihre Fotografien zeigen Berlin von ›unten‹, die leerstehenden und marginalen Orte der Stadt. Sie schafft mit ihren Arbeiten ein Gegengewicht zum politischen und nationalen Symbolismus, der vielerorts in der Innenstadt zu finden ist. Der beiläufige Titel »Ein wenig Schnee« bezieht sich nicht nur wörtlich auf die Reste schmelzenden Schnees, sondern verweist auch auf Marginalität und auf eine alternative Möglichkeit zur Visualisierung Berlins.

Edgar Zippel »The Young Europeans: Marzahn-Hellersdorf«, 23 Fotografien sowie Fragebögen, 2016.
Der Künstler fotografiert seit 2008 u.a. in Kooperation mit dem Museum Europäischer Kulturen junge Menschen aus Polen, Moldawien, Rumänien, Island, Italien, Portugal, Großbritannien, Bosnien-Herzegowina, Albanien und Deutschland. In Deutschland wurden die Fotos in Marzahn und in Hellersdorf aufgenommen. Jede_r Porträtierte wurde gebeten, einen Fragebogen mit einigen persönlichen Angaben auszufüllen und drei Fragen zu beantworten: Was willst du tun? Worauf freust du dich? Wovor hast du Angst?


Sonntag 09 Juli 2017, 15-16.30 Uhr,
Spaziergang und Aktion entlang dem IGA-Zaun mit dem Netzwerk »Recht auf StadtNATUR«
Treffpunkt: 15 Uhr, Infozentrum, Hellersdorfer Straße 159, 12619 Berlin

Sonntag 09 Juli 2017, 17-19 Uhr,
»Recht auf Stadtnatur? Zäune zu Liegestühlen!«
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin (Eingang über Kastanienboulevard)

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Gesprächsabend des Netzwerkes »Recht auf StadtNATUR« mit Elisa Bertuzzo (Kunsthochschule Weißensee),  Katalin Gennburg (Die Linke) und Christiane Bongartz (100% Tempelhofer Feld).

Die Verdichtung des Stadtraums in Berlin geht zulasten des Stadtgrüns. Neben der Bebauung von grünen Brachflächen und einer stetigen Verdichtung lässt sich auch beobachten, wie die ›Leistungsfähigkeit‹ von Parkanlagen und geschützten Grünanlagen erhöht wird. Seit einigen Jahren werden öffentliche Grünanlagen vom Senat an die Grün Berlin GmbH übertragen. Bürger_innen und Umweltschützer_innen des Netzwerkes »Recht auf StadtNATUR« sehen in Projekten der Grün Berlin GmbH, wie dem Park am Gleisdreieck oder der IGA Berlin 2017, eine Umnutzung des Stadtgrüns hin zu Event – und Tourismusmarketing und weg von einer Grundversorgung der Anwohner_innen mit Kaltluft, Lärmschutz, Artenvielfalt und Erholung.

Das Netzwerk »Recht auf StadtNATUR« recherchiert zur Rechtslage der Privatisierung von Berlins Grün- und Freiflächen und entwickelt alternative Strategien für die Nutzung. Die Akteur_innen fordern eine Re-Kommunalisierung von öffentlichen Grünflächen und vernetzen Bürger_innen u.a. mit Künstler_innen, Politiker_innen und Universitäten.

Das Netzwerk »Recht auf StadtNATUR« ist eine Kollaboration verschiedener Berliner Initiativen, die sich für den Erhalt von Stadtgrün in Gemeineigentum einsetzen. Darin engagieren sich Vertreter_innen der Bürgerinitiative Kienberg-Wuhletal, Bürgerinitiative Fennpfuhl Paul-Zobel-Straße 10 gegen Innenhofverdichtung, von Die Linke, Gemeingut in Bürger_innen Hand, Interkulturelle Gärten Berlin, Initiative für den Kiezerhalt Quartier Nördliche Bergmannstraße, Kunstprojekt Mitte in der Pampa, 100% Tempelhofer Feld u.a.

Katalin Gennburg (MdA, Die LINKE): Die Stadtforscherin und Politikerin wird ein Kurzreferat über »Das Paradox der Grenze« halten. Bereits 1988 formulierte der französische Philosoph und Soziologe Michel De Certeau »Das Paradox der Grenze« in seinem Buch »Die Kunst des Handelns« und meinte: „Das theoretische und praktische Problem der Grenze lautet: zu wem gehört sie?“. Bezug nehmend auf den Zaun der internationalen Gartenausstellung IGA Berlin 2017 und auf die Texte De Certeaus lädt Gennburg  zu einer inspirierenden, raumtheoretischen Debatte über ein Recht auf Zaunfreiheit im öffentlichen Raum ein.

Christiane Bongartz (Initiative 100% Tempelhofer Feld (Thf)): 2012 beschloss der Berliner Senat plötzlich eine Verlegung der IGA Berlin 2017 vom geplanten Standort auf dem Tempelhofer Feld nach Marzahn-Hellersdorf in die "Gärten der Welt" und auf den Kienberg. Diese Entscheidung bestärkte die Bürgerinitiative 100% Tempelhofer Feld ihren Widerstand zu erhöhen. Nicht wegen der Verlegung nach Marzahn-Hellersdorf, sondern da sie auf dem richtigen Weg waren Natur- und Landschaft, das Flugfeld, ein Dokument der Fluggeschichte, Freiflächen für Spiel und Sport für die beengten Nachbarbezirke zu schaffen und damit die Verspekulierung von Gemeinflächen zu verhindern. Christiane Bongartz, eine der Initiator_innen der ersten Stunde von 100% Thf, erzählt aus ihrer Sicht, wie die IGA Berlin 2017 von der › Mitte‹ in die ›Pampa‹ kam.

Elisa T. Bertuzzo (MA Raumstrategien, Weißensee Kunsthochschule Berlin): Vor fast 50 Jahren veröffentlichte der französische Philosoph Henri Lefebvre ein Buch, das nahezu weltweit Bekanntheit erlangte: »Das Recht auf Stadt« (1968). Heute beziehen sich nicht nur Stadtaktivist_innen, sondern auch Regierungen und Stadtverwaltungen auf dieses Buch. Es stellt sich die Frage, was ein von Oben gewährtes „Recht auf Stadt“, etwa durch Verpflichtungen zu Partizipation und Teilhabe, an den tiefer liegenden gesellschaftlichen Ungleichheiten zu ändern vermag. Interessanter ist es aber, eine in diesem Buch formulierte These Lefebvres zu betrachten: Wenn ein Zentrum immer eine Peripherie voraussetzt, so ist es erst das dialektische, spannungsgeladene Verhältnis zwischendiesen Orten, welches Menschen zu einer radikalen Veränderung der gesellschaftlichen Subventionen und Hierarchien motivieren kann. Wie sich diese These auf das ›zentrumslose‹ bzw. ›mehrzentrische‹ Berlin von heute anwenden lässt, fragt und diskutiert die Stadtforscherin Elisa T. Bertuzzo in ihre Kurzreferat »Recht auf Stadt = Recht auf Zentrum? «.

 


Sonntag 15 Oktober 2017, 15-18 Uhr,
Cricket-Fest am Place Internationale
mit LaLoka Hellersdorf Cricket gegen The Rest of Berlin und internationalem Essen

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Seit Mai 2017 spielen geflüchtete Männer aus Pakistan und Afghanistan Cricket am Place Internationale und gestalten in Zusammenarbeit mit der AG Kunst im Untergrund ein offenes Trainingsangebot für die Nachbarschaft. Sie initiieren damit in Hellersdorf die Umsetzung eines in vielen Ländern vorhandenen Freizeitgeländes, dem sog. Recreation Ground. Die großen, kostenlos zugänglichen und von den Kommunen gepflegten Rasenflächen für Erholung und Sport entstanden ursprünglich aus dem staatlichen Bekenntnis des Viktorianischen Großbritanniens zum Menschenrecht auf Gesundheit und Natur in städtischen Räumen. Recreation Grounds werden vielerorts auch für das Cricket-Spiel genutzt. 

Bis 1937 gab es in Berlin über 50 Cricket-Vereine, bevor die Gleichschaltungsmechanismen des nationalsozialistischen Regimes auch im Sport Anwendung fanden und Cricket durch die NSDAP verboten wurde. Durch den Einfluss geflüchteter Menschen erlebt dieser Sport in Deutschland heute ein Revival, der Nationalmannschaft gelang 2017 sogar die Qualifikation für die Weltliga.




Adressen:

station urbaner kulturen
Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin
(Eingang über Kastanienboulevard)
U5 Cottbusser Platz
Do - Sa 15 - 19 Uhr, 0173 2009608

Place Internationale
Grünfläche nahe des U-Bahnhofs U5 Cottbusser Platz
Ausgang: Carola-Neher-Str./Auerbacher Ring

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nGbK-Projektgruppe "Kunst im Untergrund 2016/17": Jochen Becker, Anna Gogonjan, Eva Hertzsch, Karin Kasböck, Folke Köbberling, Adam Page, Valeska Peschke

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Ein Projekt der neuen Gesellschaft für bildende Kunst in Kooperation mit dem Amt für Weiterbildung und Kultur Marzahn-Hellersdorf, finanziert von Senatsverwaltung für Kultur und Europa - Kunst im Stadtraum.
Unterstützt von: BVG, Berliner Fenster, Wall, Lotto-Stiftung

Die Vermittlungsprojekte „Place Internationale“ und "Teilhabe und Governance" im Rahmen von Mitte in der Pampa werden gefördert von:
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