NGBK BERLIN


Õffnungszeiten

Ausstellungsraum:
Täglich 12 - 19 Uhr
Do - Sa bis 20 Uhr

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28. November – 10. Januar 2010

Eröffnung: 27. November, 19h

 

RealismusStudio

 

täglich 12-19 h, Do-Sa 12-20 h
(24., 25. 26. + 31.12. 2009
& 1.1.2010 geschlossen)


Protestkultur, TV-Entertainment, Game Shows, Court-TV, Pop, die monumentalen nordamerikanischen Landschaften, Rockerbanden, Affirmative Action und latenter Rassismus, der Western als Filmgenre und die Invasion in den Irak und Afghanistan, harte Männer, Cowboys und Rodeo: Die Ausstellung AMERIKANA versammelt Werke von 8 Künstlerinnen und Künstlern aus New York zu typischen, ja „ur-amerikanischen“ Themen. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Geschichte der Gesellschaft der Vereinigten Staaten mythologisiert. Die NGBK betrachtet den Status Quo des amerikanischen Mythos genauer. Die verhandelten Topoi haben auf die westliche Kultur und ihre Gegenkulturen intensiv prägend gewirkt. Sie sind außerhalb der USA Teil einer fortschreitenden Amerikanisierung und bestimmen das Selbstbild der US-Amerikaner.

Martin Beck, Sanford Biggers, Martha Colburn, Robert Gober, Mary Lucier, John Miller, Donald Moffett, Paul Pfeiffer

Die Künstlerinnen und Künstler problematisieren tradierte Sichtweisen. Sie verschieben die Perspektive, oder überzeichnen bestimmte Genres und fördern so Skepsis gegenüber den mythischen Überhöhungen des bisweilen bizarren American Way of Life. Dabei sparen sie auch den scheinbaren Antagonisten, den Underground und die Gegenkultur nicht aus.
Die Ideale von Freiheit und Unabhängigkeit werden in der Ausstellung in ihren normalisierten, pervertierten und grotesken Ausformungen skeptisch betrachtet und mit dem glitzernden und gleichzeitig deprimierenden Status Quo ins Verhältnis gesetzt. Der Blick der Künstler ist aufmerksam, kritisch, dekonstruktiv und angriffslustig, mitunter humorvoll. Er arbeitet mit dem ihm entgegengebrachten Pathos und zerstört den barocken Charakter, die Vielschichtigkeit, Empathie und Poesie nicht gänzlich. Die Distanzierung erfolgt nüchtern und phantasievoll zugleich.

Zusammengehalten wird die Ausstellung von einer der wenigen fotografischen Arbeiten Robert Gobers „1978 – 2000“. Er konzipierte sie für die Biennale in Venedig 2001. Damals wurde sie nur als Broschüre an interessierte Besucher des Amerikanischen Pavillons ausgegeben. Es handelt sich um einen „Road-Trip“ von 1978, der aus Manhattan nach Jones Beach zum Strand am Atlantik führte und den Gober noch einmal unternahm (die Fotos hatten über 20 Jahre in seiner Wohnung gelegen / die Negative sind verschollen / nur ein schlechter Kontaktbogen diente ihm als Ausgangsmaterial). Die alten und neuen Aufnahmen montierte er zu einem ernüchternden, so bildgewaltigen wie scheinbar beiläufigen, Bildessay – einer Reflexion über Zivilisation, Alltag und Erinnerung.
Robert Gobers Fotoserie erinnert an das Genre des Road Movies. Die Automobilkultur, der Konsum, die fragile Freiheit, Bilder einer teils entrückten, teils äußerst konkreten, desolaten Welt rahmen zwei Artikel über die Ermordung von Homosexuellen und die erzkonservativen Einstellung, die zu solchen Taten anstiftet. Es ist eine Reflexion über Fremdheit und Befremdung, Nähe und Distanz, und die Halbwertszeit von nicht abbaubaren Zivilisationsmüll und nicht totzukriegende Vorurteilen.

„Roadmovie“ ist die Bezeichnung für ein in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten aufgekommenes Filmgenre. Die Handlung von Roadmovies spielt auf Landstraßen und Highways, die Reise wird zur Metapher für die Suche nach Freiheit und Identität der Protagonisten. Oft wird die erzählende Wirkung von Liedern aus der Pop-, Rock- und Countrymusik in Roadmovies eingesetzt.

Mary Lucier komprimiert und vervielfältigt in ihrer Videoinstallation „Arabesque“ (2004) kaleidoskopartig das Geschehen beim Rodeo in ineinander- und zusammenstürzenden Bildern. Dazu hört man frame-genau digitalisiert einen Country-Song von George Strait. „Arabesque“ ist ein Abgesang auf einen Männerkult und eine harte aber heile Macho-Welt und war ursprünglich Teil der vielkanaligen Videoinstallation „The Plains of Sweet Regret“ über die dramatischen Veränderungen im Mittleren Westen, wo das ländliche Leben kaum noch aufrecht zu erhalten ist.

Martin Beck nahm in „Pitch (for a Motorcycle Film): Sets, Cast, Props“, 2005 ein Bikertreffen in der Wüste Kaliforniens zum Anlass ein Angebot (Pitch) für einen Film zu entwickeln. Ihn interessiert auch das Format des überzeugenden Abrisses, wie knapp eine Idee illustriert werden kann, um zu zünden und um letztendlich produziert zu werden.

Sanford Biggers lässt in seiner Videoinstallation „Cheshire“ (2008) Afroamerikaner auf Bäume klettern und spielt damit so humorvoll wie bitter auf die Pseudointegration der Schwarzen und den immer noch latent vorhandenen Rassismus an. „...He is as invisible as the professional Black man is in the mass media today – but I am also thinking about Black men hanging out in trees, as opposed to being hung from them.“ Die verschiedenen Szenen sind durch eine äußerst schräge Version von Billie Holidays „Strange Fruit“ (performed von Imani Uzuri) mit einander verknüpft.

Martha Colburn verschränkt in ihrem Trickfilm „Destiny Manifesto“ (2006) die Welt der Cowboys und Indianer und der Pioniere im Wilden Westen mit der Invasion der USA in Afghanistan und Irak. Hollywood und Siedlerklischees, Kavallerie gegen Rothäute werden in ihrem albtraumartigen Bilderspektakel mit der Gewalt und der Brutalität aktueller Kriege und stereotyper Bedrohungsmuster verwoben.

John Millers Gemälde affirmieren die Gemeinplätze der amerikanischen Kultur, Demokratie, die Weite und Urtümlichkeit des Landes und den damit verbundenen Patriotismus, Entertainment und inszenieren sie gleichzeitig, grell und böse, als Schutt der Konsumkultur. Manche Titel seiner Gemälde rühren von Kritiken über seine Ausstellungen und deren Überschriften, wie The Fashionable Excess Wears Thin (1995).

Donald Moffett nennt seine sechs eleganten silberfarbenen Gemälde mit den kompliziert gewirkten Oberflächen „Hippie Shit“ (2005). Mundharmonika Songs schaffen eine melancholische Atmosphäre um diese kühlen Flächen, deren Maße und Formen an große Haushaltsgeräte in einem Elektrofachhandel erinnern. Das Selbstgemachte und individuell Geprägte trifft auf Konsumkultur, Eiseskälte auf eigentümlich normierte Individualität. Die liebevolle Gestaltung des fingerdicken Farbauftrags kontrastiert mit der stapelbaren Warenform. Moffett mustert raffiniert und zynisch die Verhältnisse und den Wert zeitgenössischer Kunst als Ausdruck von Hochkultur, Fortschritt und Originalität.

Paul Pfeiffers 2-Kanal-Videoinstallation bringt die Anklage des jüngst verstorbenen größten Popstars aller Zeiten, Michael Jackson wieder in Erinnerung. In „Live from Neverland“, 2006 wird eine der meistgesehenen Fernsehdokumentation der letzten Jahre zugespitzt. Aus dem von siebenundzwanzig Millionen Amerikanern verfolgten Fernsehbericht „Living with Michael Jackson“ filterte Pfeiffer diejenigen elf Minuten heraus, in denen Michael Jackson darüber spricht, dass er auf seinem Anwesen „Neverland“ mit mehreren Kindern sein Bett geteilt habe. Pfeiffer zeigt Jacksons Rede tonlos auf einem Monitor und lässt sie zugleich auf einer wandfüllenden Videoprojektion, von einem Chor begleiten. Die Broadwayversion dieses Plädoyers des des Kindesmissbrauchs verdächtigten Popstars an eine medienübersättigte, hysterisierte Gesellschaft lässt den Betrachter zwiespältig verharren.

Der Ausstellungstitel ist in leichter Abwandlung geborgt von einer Ausstellung der Künstlergruppe „Group Material“, mit dem Titel „Americana“, die als Teil der Whitney Biennial 1985 im Whitney Museum of American Art stattfand. Es war eine Art Gegenausstellung, die Objekte und Werke vereinte, die in der Biennale-Struktur nicht vorkamen. Agitprop, Volkstümliches, feministische Kunst und Kunst von schwarzen Künstler_innen, Volkskunst, Outsider Art, Alltagsschmuck, Tapeten und Konsumartikel waren in dichtem Nebeneinander ausgestellt, darunter Werke von Barbara Kruger, Leon Golub, Sherrie Levine, John Miller und Claes Oldenburg und ca 45 weiteren Künstlerinnen und Künstlern. Prominent im Raum standen zwei große Haushaltsgeräte – eine Waschmaschine und ein Trockner, die auf lapidare Art und Weise den Alltag in die museale Welt holten.

Seit über 20 Jahren stellt das RealismusStudio immer wieder aktuelles, kritisches Kunstschaffen aus den USA zur Diskussion. Wie schon bei der Ausstellung „Steppenwolf – oder das Geräusch des urbanen Raums“ im Sommer dieses Jahres interessiert auch in dieser Ausstellung des RealismusStudios 2009 die Stilisierung gesellschaftlichen Handelns, das Klischee als auch die Stereotypisierung und wie sie als zeitgenössische künstlerische Verfahren eingesetzt werden, um etwas über den gegenwärtigen Zustand der Zivilisation mitzuteilen.




Wir bedanken uns bei den amerikanischen und deutschen Privatsammlungen, dass sie für die Ausstellung ihre Werke von John Miller und Donald Moffett zur Verfügung stellen. Dank gilt den Galerien Barbara Weiss und Carlier/Gebauer, beide Berlin, der Marianne Boesky Gallery, New York, sowie allen an der Ausstellung beteiligten Künstlern und Künstlerinnen für Ihre Mithilfe am Zustandekommen der Ausstellung. Die NGBK wird aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie finanziert.


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