neue Gesellschaft
für bildende Kunst

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Die Präsentation »*foundationClass – from within the cracks« in der nGbK verhandelt fünf aufregende Jahre *foundationClass, inner- und außerhalb der Institution kunsthochschule weißensee berlin. Jede Installation ragt in eine Suche nach kollektiver Praxis und trägt Liebe, Lachen, Tränen und den politischen Kampf in sich. Die Künstler_innen der *foundationClass verwenden die durch diskriminierende Strukturen hervorgerufenen Hindernisse nicht einfach nur dazu, die Widersprüche einer Institution nur zu benennen oder sie einfach auszublenden. Vielmehr werden sie zum Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit des Kollektivs und der damit verbundenen Forderung nach inklusiver Ausbildung und Lehre. // Fotos: Can Rastovic

What is burning under my skin?, 2020 >>

WEST, 2016/2020 >>

we found love (barricade), 2020 >>

untoured, 2019/2020 >>

Intersec* femme: The super Empowered, 2020 >>

The monument of existence, 2020 >>

TRUST US, 2017/2020 >>

The *foundationClass' non-Cafeteria of the Academy of Misery, 2018/2020 >>


What is burning under my skin?, 2020
Wandinstallation mit 42 Plakaten, je 60 x 42 cm

Die Plakatsammlung »What is burning under my skin?« [Was brennt mir unter der Haut?] stellt eine einfache, aber oft vernachlässigte Frage. Die Frage nach der eigenen Dringlichkeit wird oft von den vielen (visuellen) Botschaften und Statements, die uns täglich erreichen übertönt oder gänzlich verdrängt. Begraben in Pflichten, bleibt die Frage unter unserer Haut. Sich selbst und einander diese Frage zu stellen begründet einen intimen Akt und einen wichtigen Startpunkt für die gesamte Produktion.
Mit anderen Worten: Plakate machen uns der Welt bekannt. Jedes einzelne Plakat dieser Sammlung trägt eine Botschaft in diese Welt, deren Dringlichkeit nicht mehr ignoriert werden kann.

 

WEST, 2016/2020
Installation, Inkjetdruck auf Leinwand und genähtem Textil, 11 Arbeiten, je 300 x 250 cm

Mit großflächigen Vorhängen setzt »WEST 2020« die Architektur des Raumes in Szene und schafft von innen heraus Nischen der Verborgenheit und der Intimität. Die Gestaltung fordert die etablierte und zelebrierte bürgerliche Fantasie des Individualismus und des Exzeptionalismus heraus. Stattdessen verwenden die Künstler_innen der *foundationClass unterschiedliche Materialien, verschmelzen ein breites Spektrum von künstlerischen Praktiken, ohne nur die_den eine_n Autor_in und die eine Geschichte zu zeigen. Es gibt keine Autorität. Es gibt kein Vorne und kein Hinten. Alles oder nichts.

»WEST 2020« ist eine Referenz und eine Neuauflage der ersten Ausstellung der *foundationClass, die 2016 in der Galerie West den Haag gezeigt wurde. Damals durften einige Mitglieder des *foundationClass-Kollektivs aufgrund ihres rechtlichen Status nicht reisen und ihre Arbeiten nicht physisch nach Den Haag bringen. Aus dieser Situation heraus entwickelte die *foundationClass eine Methode, die sie später ›die WEST-Methode‹ nannte: Von Malerei und Skulptur bis hin zu Grafikdesign und Film - alle Arbeiten wurden zu einer digitalen Collage zusammengestellt und es wurde ein Manifest dazu geschrieben. Die digitalen Dateien der beiden neuen Werke wurden auf Vorhänge gedruckt und in Abwesenheit der Körper der Künstler_innen ausgestellt.

Als Bürger_in überwiegend westlicher Staaten neigt man* dazu, zu übersehen, dass die Frage, ob man* mit seiner Arbeit umherreist oder am Ende eine Videodatei verschickt, sehr stark von dem Vorhandensein rechtlicher Dokumente und dem darin eingeschriebenen Status abhängt.

Für »WEST 2020« müssen zum Glück keine Dateien durch die Welt geschickt werden. Die Künstler_innen haben die Möglichkeit, vor Ort zu produzieren und sich mit ihrer ganzen handwerklichen Liebe dem eigentlichen Material und dem kollektiven Produktionsprozess zu widmen.

 

we found love (barricade), 2020
2-Kanal Video-Installation, Full HD, 46:31 min - 01:27:41 min, Farbe, Audio 09:25 min

[...] Was ist das Ziel der *foundationClass? Die richtigen Leute zu verärgern. Die Bedingungen des Zugangs zu Institutionen zu verändern. Jobs für coole Leute zu schaffen. Freund_innen und Verbündete zu finden. Marginalisierte Formen des Wissens zu teilen. Die Schule hacken um Zugang zu Ressourcen zu bekommen. Den Kampf fortsetzen. […]

Der physische Raum der *foundationClass - Raum H 1.08 an der kunsthochschule weißensee - war schon immer vieles auf einmal: ein Atelierraum, ein Kunstraum, ein sozialer Raum, ein Raum, der der Praxis, der Freude und der Trauer gewidmet ist. Ein Raum der Verweigerung und ein Raum des Aufeinander-Zugehens. Ein Raum zum Experimentieren und ein Raum der Hingabe. Er war Zeuge unzähliger Stunden des Gesprächs, des Lehrens, des Diskutierens, des (Ver-)Lernens, des Kunstmachens und Schlafens, des Tanzens und Essens und des Trinkens. Aber während des seltsamen Jahres der Pandemie wurde der physische Raum der *foundationClass still. Wie so viele andere Räume der Nähe, der Intensität und der Begegnung hatten sich seine Versprechen in genau das verwandelt, was es zu vermeiden galt.

Im August, als sich die Pandemie für einen Moment beruhigt zu haben schien, konnte das Kollektiv einige Zeit im Studioraum verbringen und diesen außergewöhnlichen Moment nutzen, um auf fünf Jahre *foundationClass zurückzublicken. Bei dem Versuch, all die Themen, die Ziele, die Politik, die Ideen, die Widersprüche, die Wünsche und die Kämpfe zu artikulieren, die in die Fasern der *foundationClass eingewoben sind, entstand eine weitläufige und komplizierte Landkarte - ein Arrangement aus vielstimmigen Fragen, Notizen, Antworten, Anmerkungen und Abschweifungen.

Das Artefakt der Begegnung wurde dokumentiert (linker Bildschirm) und mit ihm der Raum: Verlassen, in einem Zustand des Aushaltens eingefroren, festgefahren zwischen Hoffnung und Verzweiflung (rechter Bildschirm). Im Audio ist eine weitere Spur der Begegnung zu erleben: Heimliches Flüstern, gemeinsames Lachen, das Kratzen der Gedanken und das Gedröhn der elektrischen Ventilatoren, die die Aerosole und die Hitze fernhielten. Auf dieser Tonaufnahme ist auch unser Freund und Genosse Aref Torkaman zu hören, der uns verlassen hat. Und es ist eine Erinnerung daran, dass manche Dinge niemals abgebildet werden können.

 


untoured, 2019/2020
Installation, Audiotour

Seit Jahrhunderten beraubt der Westen weltweit Communities ihrer kulturellen und materiellen Welten, löst sie aus ihren Kontexten und verwandelt sie in sammelbare, austauschbare Objekte. »untoured« dekonstruiert die imperialistischen Praktiken westlicher Museen und überschreibt deren Narrative mit alternativen Erzählungen. Die unkonventionelle Audiotour hinterfragt anhand ausgewählter Artefakte aus dem Pergamonmuseum und dem Deutschen Historischen Museum Berlin Deutungshoheiten und schreibt so Geschichte neu.


Intersec* femme: The Super Empowered, 2020
Wandinstallation mit Miss Banana, Blue Najia, Hom, Hopy, SharPuta, Mother, Nefertiti, Bâtarde, Rodalicient, Sexy Lady

Die ›Super Empowered‹ verschmelzen Vergangenheit und Zukunft. Sie schlüpfen durch die Wurmlöcher einer anderen Dimension, jenseits des Mythos von dem männlichen Retter, Helden, Einzelgänger, der Kriegsmaschine mit ausdauerndem, stählernem Körper. In dieser Galaxie ist allgemein bekannt, dass Lebenserfahrungen stark davon geprägt sind, wie sich unsere multiplen Identitäten vermischen. Zehn ›Super Empowered‹-Charaktere bewegen sich genau an der Schnittstelle von Geschlecht, Herkunft, Alter, Klasse, sozioökonomischem Status, körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, geschlechtlicher oder sexueller Identität, Religion oder Ethnie. Was können wir für den Feminismus tun? Sie werden Ihnen antworten: Erkennt die Überschneidungen von Macht und Ohnmacht und schafft einen Feminismus, der Platz für alle unterdrückten Stimmen hat.

Die 'intersec* femme: genesis' wird Teil der Podcast-Reihe »*foundationClass/speaks« sein.

 


The monument of existence, 2020
Installation

Das »monument of existence« [Mahnmal für die Existenz] ist ein Ort der Würde – gewidmet  all den Menschen, deren Hoffnung auf ein sicheres Leben genommen wurde. Genommen, inmitten der Ozeane, Wüsten, Lager und Psychiatrien. Genommen, durch rassistische Migrationspolitik und das unterdrückerische EU Grenzregime. Unter ihnen unser geliebter Freund und Künstler, Aref Torkaman. Das Mahnmal nimmt die Form eines Stuhls an, als Symbol für Würde und Autorität. Als Gegenstand schafft der Stuhl eine Präsenz - auch ohne physische Anwesenheit einer Person. Der in der nGbK gezeigte Prototyp ist der Beginn eines Mahnmals, dass aus einem gemeinschaftlich erlebten Verlust hervorgeht. Es wird denjenigen Würde und Präsenz zurückgeben, denen sie genommen wurde, den Lebenden wie den Toten.

Die Podcast-Reihe »*foundationClass/speaks« wird unter dem Titel „resistant commemoration“ »widerständige Erinnerung« auf das Mahnmal Bezug nehmen.

hear them cry

the long dead

the long gone

speak to us

from beyond the grave

guide us

that we may learn

all the ways

to hold tender this land

hard clay direct

rock upon rock

charred earth

in time

strong green growth

will rise here

trees back to life

native flowers

pushing the fragrance of hope

the promise of resurrection


bell hooks, »Appalachian Elegy« (1)

 

TRUST US, 2017/2020
4-Kanal Video Installation

2017 wurde die *foundationClass auf Initiative eines multinationalen Unternehmens für ein Preisgeld nominiert, dass sich an Kunst- und Kulturprojekte zur Förderung von Gleichberechtigung in der Gesellschaft richtet. Voraussetzung für den Erhalt des Preisgeldes, das damals die Fortführung des prekär finanzierten *foundationClass-Programms für eine Weile sichern würde, war die Produktion eines Image-Videos, einer mit einem Voice-over unterlegten One-Shot-Sequenz. Zur gleichen Zeit arbeitete die *foundationClass auch an einer Produktion für den 2. Berliner Herbstsalon des Maxim Gorki Theaters Berlin zum Thema ›Desintegration‹. Irritiert von der Image-Video Anfrage und deswegen unfähig, sich auf den Herbstsalon zu konzentrieren, verhandelte die Gruppe wochenlang und fand schließlich eine visuelle Strategie, die die Vereinnahmung ihrer Körper durch die Kamera verhindern konnte. Wissend, mit welchem ›Blick‹ das Video betrachtet werden würde, schien diese Aufgabe fast aussichtslos: Im Diskurs der ›Willkommenskultur‹, dem Kontext, aus dem die *foundationClass hervorgegangen ist und in dem sie oft analysiert wird, wird die Rolle des/der ›Geflüchteten‹ im Großen und Ganzen noch immer als hilfs- und schutzbedürftig von weißen Deutschen konstruiert. Die *foundationClass hat seit ihrer Gründung versucht, diese Vorstellung zu dekonstruieren. Schließlich stimmte die Produktionsfirma einem Vorschlag der *foundationClass Gruppe zu: die Teilnehmer_innen zu filmen, während sie selbst gefilmt wurden. Das Filmmaterial wurde später zu einer Installation verarbeitet, unterlegt mit mehrstimmigen Texten und Klängen, die sich auf eben jene Diskussionen beziehen, die während des Arbeitsprozesses entstanden sind. Die komplette Installation wurde im Berliner Herbstsalon, Maxim Gorki Theater, 2017 ausgestellt:
TRUST US.

 

The *foundationClass' non-Cafeteria of the Academy of Misery, 2018/2020
Performance/Installation

Kunsthochschulen repräsentieren und reproduzieren Ein- und Ausschlussmechanismen. Wer unterrichtet, was unterrichtet wird und wer an einer Kunsthochschule aufgenommen wird, entscheidet nicht nur die vermeintliche ›Begabung‹, sondern ist aufgrund der subjektiven Beurteilungsfähigkeit der Macht- und Entscheidungsträger_innen abhängig von individuellen, nicht hinterfragbaren Maßstäben. Die Autonomie der Künste wie auch die der künstlerischen Lehre legitimieren somit einen Widerspruch, der den Institutionen zu eigen ist.
Ähnlich wie der Küchentisch ist die Cafeteria einer Kunsthochschule ein Raum, in dem konspirative, ketzerische, unsachliche, unverschämte und amateurhafte Meinungen artikuliert, bestätigt und demontiert werden – um ihrer selbst willen statt zum Zweck der Wissensproduktion. Die *foundationClass arbeitet aus einem Raum der Gebrochenheit heraus, der zwar in der Hochschule gelegen, aber kein Teil von ihr ist, und der sich weder für noch gegen sie positioniert. In der nGbK lädt das Kollektiv dazu ein, sich an der »Nicht-Cafeteria der Academy of Misery« zu beteiligen, um ins Studieren im Sinne eines gemeinsamen Denkens mit anderen einzusteigen. Dieses Denken unterscheidet sich vom Denken, das die Institution verlangt, und bereitet uns darauf vor, in dem aufzugehen, was Fred Moten und Stefano Harney das »Mit und Für« nennen. In der nGbK wird der Küchentisch zu einer Radiostation, immer bereit  *foundationClass Mitglieder, Gäste, Freund_innen, Verbündete und Feinde zu empfangen und den Vielklang ihrer Stimmen für eine Podcast Reihe festzuhalten.