neue Gesellschaft
für bildende Kunst

Seit 2018 werden jährlich zwei Stipendien an in Istanbul lebende Künstler_innen vergeben. Das bestehende Istanbul-Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wurde zu einem echten Austausch erweitert, indem jährlich zwei Künstler_innen aus Istanbul von einer Jury ausgewählt und nach Berlin entsandt werden und umgekehrt. Damit sollen die Beziehungen zwischen den Partnerstädten Berlin und Istanbul  und die Verbindung zur türkischen Kunstszene weiter gestärkt werden. Dies folgt der Überzeugung, dass internationaler Austausch und unmittelbare Kommunikation kulturelle Vielfalt als Bereicherung erlebbar werden lassen und zum Perspektivenwechsel einladen.
Das Stipendium wird im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Kunstverein neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und dem ZK/U (2018-bis Mitte 2021), seit Juni 2021 mit dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, in Berlin sowie dem DEPO in Istanbul ermöglicht.


İz Öztat
15. Juli–15. Dezember 2022

In ihrer künstlerischen Arbeit setzt sich İz Öztat mit marginalisierten Aspekten der Vergangenheit auseinander, die bis heute verheimlicht und geleugnet werden, und kontrastiert offizielle Erzählungen mit den Möglichkeiten der Fiktion. Öztat fabriziert die (Auto-)Biografie von Zişan (1894-1970), der ihr als historische Figur, als Geist und als Alter Ego erscheint. Sie nimmt sich Zişans Archiv an und interpretiert es durch ihre eigene Praxis, um eine komplexe Zeitlichkeit vorzuschlagen, in der eine unterdrückte Vergangenheit eine zunehmend autoritäre Gegenwart heimsucht. In Berlin wird Öztat den (auto-)biografischen Künstlerroman Every Name in History is I and I is Other fortsetzen und sich dabei auf das Kapitel Dead Reckoning to Her Folds konzentrieren, in dem Skulpturen des weiblichen Körpers zu Objekten queeren Begehrens und kollektiver Aktion in einer Erzählung werden, die Geschichten des Widerstands miteinander verwebt.

Iz Öztat (*1981) studierte Bildende Kunst am Oberlin College in Ohio, USA, und an der Sabancı-Universität in Istanbul. Ihre Werke wurden in zahlreichen lokalen und internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter ihre Einzelausstellung Suspended, Pi Artworks Istanbul im Jahr 2019, sowie in den Gruppenausstellungen Rounded by Sleep, Arter, Istanbul (2022); Tamawuj, Sharjah Biennale 13 (2017); Land without Land, Heidelberger Kunstverein (2016) und Salt Water: A Theory on Thought Forms, 14. Istanbul Biennale (2015). Zişans (geb. 1894 - gest. 1970) Schicksal ist von Anfang an von einer unklaren Zugehörigkeit geprägt. Geboren aus einer Affäre zwischen Nezihe Hanım, einer Lehrerin aus einer türkischen Oberschichtfamilie, und Dikran Bey, einem armenischen Fotografen, floh sie 1915 mit ihrem Vater aus Istanbul, um dem Völkermord an den Armeniern zu entgehen. Danach begab sie sich auf eine lebenslange Reise durch eine riesige Geografie und die Tiefen des 20. Jahrhunderts als getarnte Heldin, die unbemerkt in den Kanon der avantgardistischen Kunst eingedrungen ist. Sie gab sich nicht als Künstlerin zu erkennen und verbreitete ihr Werk zeitlebens unter Pseudonymen. Ihr imaginäres Archiv enthält Texte, Skizzen, Fotografien, Fotocollagen, Objekte und Ephemera.

 

Özge Açıkkol
15. Januar – 15. Juni 2023

Özge Açıkkol arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, sozialräumlichen Praktiken, Literatur und Sozialpädagogik. Sie interessiert sich vor allem für die Stadt und wie sie sich durch die Mikroaktionen und Interaktionen ihrer Bewohner reproduziert. Diese Mikroaktionen zur Reproduktion der städtischen Umwelt ergeben sich in der Regel aus den Überlebenstaktiken der Bürger, die mit verschiedenen Stufen der städtischen Armut konfrontiert sind. Ihre jüngsten Forschungen befassen sich mit neuen Wegen der Beziehung zwischen Kunst und Aktivismus in der städtischen Sphäre. Während ihres Aufenthalts in Berlin wird sie eine Reihe von Interviews mit verschiedenen Akteuren führen, um neue Erkenntnisse über den öffentlichen Raum als Gemeingut zu gewinnen.

Özge Açıkkol (*1976) studierte Bildende Kunst und Malerei an der Marmara-Universität in Istanbul. Kürzlich nahm sie an der Ausstellung Reflections From The Women's Archives, Depo İstanbul, 2022 teil und war von September 2021 bis Juni 2022 Stipendiatin der BAK (basis voor actuele kunst) für Situated Practice. Als Mitglied des Künstlerkollektivs Oda Projesi nahm sie an zahlreichen Kollaborationen und Projekten im In- und Ausland teil. Im Herbst 2022 wird das Projekt ANA#3, in dem sich die Künstler mit Mutterschaft auseinandersetzen, auf der 17. Istanbul Biennale präsentiert.

 

Das Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa wird im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Kunstverein neue Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin sowie dem DEPO in Istanbul ermöglicht.