neue Gesellschaft
für bildende Kunst



"Kunst im Untergrund 2021: as above, so below", nGbK, 2021. Plakat von Sasha Amaya, "Neophyte", 2021. Foto: Adam Naparty

Im Rahmen des offenen, internationalen Kunstwettbewerbs »Kunst im Untergrund 2022/23: Neue urbane Öffentlichkeiten« hat ein neunköpfiges Preisgericht in einem anonymisierten Verfahren aus 105 Bewerbungen sechs künstlerische Positionen ausgewählt, die sich mit dem aktuellen Wandel sozialer Praktiken auseinandersetzen:

Julieta Ortiz de Latierro
sandy kaltenborn, athena javanmardi, paco camberlin: learning from kotti (AT)
Irene Fernandez Arcas: Exploring Inner Care in Public Spaces (AT)
Sunny Pfalzer: Scores for Fake Authenticity (AT)
Sinzo Aanza, Jasmina Al-Qaisi, Falonne Mambu, Nada Tshibwabwa, Ralf Wendt, Elsa Westreicher
Liminal Beast of Prey: CRUSH ME TENDER Wrestling Show (AT)

Die Arbeiten, die von Juni bis August 2023 im öffentlichen Raum zu sehen sein werden, verbinden die Berliner U-Bahn mit oberirdischen städtischen Plätzen und bespielen über das Fahrgastfernsehen das gesamte Streckennetz. Mit »Kunst im Untergrund 2022/23: Neue urbane Öffentlichkeiten« wird der bereits 2020/21 entwickelte Fokus des Wettbewerbs weitergeführt, die Eigenschaften, Grenzen und Möglichkeiten des Stadtraums in den Mittelpunkt zu stellen und mit unterschiedlichen künstlerischen Positionen auszuloten. Ausgehend von der Idee des Platzes als Ort des Gemeinwohls, als Treffpunkt und Diskussionsort, dienen dieses Mal drei Berliner Plätze und ihre U-Bahnhöfe als Ausgangspunkt für künstlerische Interventionen: Das Kottbusser Tor, der Strausberger Platz und das Rote Rathaus. All diese Plätze sind architektonisch markant, teils von Straßen zerschnitten oder von Brücken und Hochbahnen überspannt. Genutzt wird der ausgewählte urbane und öffentliche Raum ganz unterschiedlich: als Verkehrs-, Konsum-, Kommunikations- oder Erholungsraum. Die ausgewählten Arbeiten wollen diese Nutzungen verstärken und ins Zentrum stellen. Durch sie wird der Platz selbst zum Akteur, er kann Ort, Anlass und Gegenstand sein für alternative politische Selbstorganisation.

Irene Fernandez Arcas interessiert sich für das Heilungspotenzial von Kunst. Ausgehend von der neoliberalen Vereinnahmung von Selbstfürsorge, Körper und Geist untersucht ihre Arbeit den Wunsch, Intimität zu schaffen und inmitten urbaner Orte Verbindungen herzustellen. Ein digitales Projekt des Kollektivs sandy kaltenborn, athena javanmardi und paco camberlin stellt dem medial vereinfachten Bild des Kottbusser Tors als Problemort einen Entwurf entgegen, der das vielschichtige soziale Gewebe des Platzes sichtbar macht. Julieta Ortiz de Latierros Beitrag besteht aus drei Teilen: einer fotografischen Intervention im U-Bahnhof Kottbusser Tor, einem eintägigen Workshop auf einer benachbarten Grünfläche sowie einem Video, das im Rahmen von Kunst im Untergrund produziert und im Fahrgastfernsehen der Berliner Verkehrsbetriebe, dem Berliner Fenster, gezeigt wird. Sunny Pfalzers durational Performance am Strausberger Platz bewegt sich im Spannungsfeld zwischen gefühltem Geschlecht und binären Blickregimen. Sechs Performer_innen untersuchen die Parameter, mit denen queere Körper im öffentlichen Raum konfrontiert sind. Mit Sinzo Aanza, Jasmina Al-Qaisi, Falonne Mambu, Nada Tshibwabwa, Ralf Wendt und Elsa Westreicher kommen sechs Künstler_innen aus Deutschland und der Demokratischen Republik Kongo zusammen, um den Strausberger Platz zu bespielen. Ihre Performances, Literatur, Klangarbeiten und Grafiken kritisieren Ausbeutung und Konsum. Liminal Beast of Prey verbinden in einer Wrestling-Performance vor dem Roten Rathaus Bildung mit Unterhaltung. Eingebettet in eine urbane Science-Fiction-Geschichte präsentiert die Show Charaktere, die sonst oft unsichtbare Kämpfe metaphorisch ausfechten.

Die stimmberechtigten Preisrichter_innen waren Stéphane Bauer, Anna Ehrenstein, Kerstin Honeit, Ute Müller-Tischler, Harry Sachs, Viron Erol Vert, Lorena Juan, Mirko Winkel, Isabelle Meiffert.

 

Die historische Entwicklung des Kunstwettbewerbs »Kunst im Untergrund«

Der Kunstwettbewerb fand, ursprünglich mit dem Titel Kunst statt Werbung, erstmals im Jahr 1958 in Ostberlin statt und rief Künstler_innen auf, Plakate für den Frieden zu entwerfen. Die eingereichten Arbeiten wurden an den Hintergleisflächen am U-Bahnhof Alexanderplatz ausgestellt. Während ein Großteil der damaligen DDR-Institutionen nach 1989 aufgelöst oder umbenannt wurde, konnte sich der Wettbewerb behaupten. Seit Anfang der 1990er Jahre setzt die nGbK in Zusammenarbeit mit den Senatsverwaltungen unter dem Projekttitel »Kunst im Untergrund« künstlerische Arbeiten in oder in unmittelbarer Nähe von Berliner U-Bahnhöfen um.

Begleitend zum Projekt erscheint eine Publikation.

 

nGbK-Arbeitsgruppe: Lorena Juan, Marenka Krasomil, Isabelle Meiffert, Sandra Teitge, Mirko Winkel

 

Unterstützt von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa – Kunst im Stadtraum