Open Archive for Urbanism – Was ist, kann und soll Stadt?
Stadt ist immer im Werden und immer im Vergehen, das Verständnis von Stadt als Prozess eröffnet Momente des Dazwischengehens und Möglichkeiten, einen Lebensraum aktiv mitzugestalten.
Im Mittelpunkt der Ausstellung Open Archive for Urbanism – Was ist, kann und soll Stadt? steht eine modulare Bibliothek zu den Themen Stadt, Wohnen, Nachbarschaften, Arbeitsmigration, Platte und Großsiedlung sowie Peripherie und Zentrum. Ausgewählte Texte, Recherchen und Publikationen bieten eine historische Grundlage und zeigen, wie Orte, Gesellschaften und Nachbarschaften bis heute geformt werden. Gleichzeitig geben sie Einblicke in aktuelle Debatten und Forschungen zu Stadtentwicklung und urbanem Leben.
Die Besucher_innen sind eingeladen, die Bibliothek zu nutzen und die Anordnung der Bücher zu verändern. Durch diese neuen Zusammenstellungen entstehen andere Kontexte und Perspektiven – und können so zum Ausgangspunkt für Gespräche, Diskussionen und weitere Fragen werden.
Künstlerische Positionen ergänzen das offene Wissenssystem und ermöglichen unmittelbare Erfahrungen sowie überraschende Perspektiven. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Spurensuche, poetischer Verdichtung und kritischer Beobachtung. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten sie Stadt als Bild und Wahrnehmungsraum, als gebaute Architektur, als Gefüge sozialer Beziehungen und als Projektionsfläche gesellschaftlicher Vorstellungen und Konflikte.
Thierry Géhin richtet den Blick auf Schwellenräume und das Verhältnis von Drinnen und Draußen, Sichtbar und Unsichtbar, Öffentlich und Privat – und dem schmalen Grat individueller Gestaltung in vorgegebenen Gefügen. Die Wahrnehmung von architektonischer Gleichförmigkeit hinterfragt Sinta Werner mit ihren Verschiebungen von Blickwinkeln. Mit bewusst einfachen geometrischen Strukturen unseres gebauten Alltags macht sie deutlich, dass unser Wissen über gebaute Formen ein unvoreingenommenes Sehen kaum zulässt. Im Kontrast hierzu stellt Michele Galassi ein Wohnprojekt für andere Lebensrealitäten vor und impliziert damit Fragen nach Ausschlüssen, Anpassung und Chancen in einer Mehrheitsgesellschaft.
Von einstigen Visionen, Versprechen und Enttäuschungen könnten die quasi-archäologischen Spurenfunde der ersten Bewohner_innen des sogenannten Ostseeviertels von Neu-Hohenschönhausen von Sonya Schönberger erzählen. Zwischen Funktion, Dekorum und Aneignung untersucht hingegen das Sudden Starlings Collective körperlich die aus der DDR stammenden freistehenden Beton-Trennwände der Künstlerin Gertraude Pohl. Damals wie heute aktuell verweisen dazu die Plakate von Manfred Butzmann auf urbane Konflikte und Aushandlungsprozesse im Stadtraum und erinnern daran, dass Fragen nach öffentlichem Raum, Teilhabe und Gestaltung der Stadt immer auch politisch verhandelt werden.
Im Zusammenspiel mit der Bibliothek entsteht so ein offenes Archiv urbaner Erfahrungen: ein Gefüge aus Recherche, künstlerischer Reflexion und öffentlicher Aneignung. Mit einem breiten Veranstaltungsprogramm lädt es dazu ein, Stadt nicht nur als gegebene Struktur zu betrachten, sondern als fortwährenden Aushandlungsprozess darüber, was sie ist, was sie sein kann – und was sie sein soll.
Künstler_innen: Manfred Butzmann, Michele Galassi, Thierry Géhin, Sonya Schönberger, Sudden Starlings Collective, Sinta Werner
nGbK-Arbeitsgruppe station urbaner kulturen: Juan Camilo Alfonso, Jochen Becker, Eva Hertzsch, Constanze Musterer, Adam Page, Katharina Ziemke
Gefördert vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf