Ist man behindert oder wird man behindert? Ausstellung Ansichtssache
Ansichtssache
Ausstellung
11. Juli – 30. August 2026
Eröffnung: 10. Juli 2026, 18 Uhr
Pressevorbesichtigung: 10. Juli 2026, 11 Uhr
Wir bitten um Anmeldung unter presse@ngbk.de
Mit Ansichtssache präsentiert die neue Gesellschaft für bildende Kunst eine Ausstellung, die künstlerische Praxis, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe zusammendenkt. Die Schau vereint Arbeiten von rund 20 Künstler:innen, die in unterstützenden Werkstattkontexten in Berlin und London arbeiten und aufgrund ableistischer Strukturen selten Zugang zu Ateliers, Ausstellungsräumen oder professionellen Netzwerken erhalten.
Der Großteil der beteiligten Künstler:innen ist in der Kunstwerkstatt Kreuzberg tätig, die 1993 aus einer Initiative des betreuten Einzelwohnens der Lebenshilfe Kreuzberg hervorging. Ergänzt werden diese Positionen durch Kooperationen mit der Berliner Thikwa Werkstatt für Theater und Kunst, in der 42 Künstler:innen hauptberuflich an künstlerischer Professionalisierung arbeiten, sowie mit der Organisation Outward, die in zehn Londoner Stadtbezirken tätig ist, um Menschen dabei zu unterstützen, ein würdevolles und sinnvolles Leben zu führen. Sämtliche Künstler:innen gelten als „lernbehindert“, jedoch erweist sich dieser Oberbegriff schnell als völlig ungeeignet, um ihre Persönlichkeiten zu beschreiben. Zu individuell sind ihre Fähigkeiten, Defizite, Erkrankungen, Werdegänge und Strategien, mit dem Leben umzugehen. Dementsprechend versteht die Ausstellung Inklusion nicht als Zusatz, sondern als grundlegende Haltung. Sie wurde gemeinsam mit den Künstler:innen entwickelt, kuratiert und gestaltet.
Ansichtssache präsentiert individuelle und kollaborative Praktiken, die jeweils in unterschiedlichen materiellen Herangehensweisen, Lebenserfahrungen und thematischen Interessen verwurzelt sind. So zeigt etwa Lutz Marx seinen fortlaufenden Comic-Zyklus Biography. Hildegard Wittur knüpft an ihre bekannte Performance Hilde häkelt! an und präsentiert neue textile Arbeiten. Sarah Al-Darwich reagiert mit Tape-Art direkt auf den Ausstellungsraum. Tim Hartungs multimedialer Ansatz kombiniert Collagen mit Filmen, die er mit seinem Handy produziert.
Materialsensibilität und soziale Beziehungen stehen im Mittelpunkt weiterer künstlerischer Praktiken der Ausstellung: Veronika Patzudas Collagen-Elemente entstehen oft während ihrer Pausen in der Mosaik-Werkstatt, in der sie arbeitet, und zirkulieren anschließend als Geschenke innerhalb ihres sozialen Umfelds, wenn sie nicht für ein Werk verwendet werden. Poojas skulpturale Arbeiten, geprägt von transnationalen und religiösen Bezügen zwischen Indien und Sudan, laden zur physischen Interaktion ein und unterlaufen Konventionen der Unberührbarkeit im Ausstellungskontext. Wolfgang Fassotts Porträts, die meist ihn und sein direktes Umfeld zeigen, stellen Intimität und Nähe in den Vordergrund und sind von seinen Erfahrungen persönlicher Beziehungen geprägt. Angelika Bartel, Heidi Fassott, Harald Krainer und Herbert Meyer zeigen Malerei, Collagen, Skulpturen, Zeichnungen und multimediale Arbeiten. Auch kollaborative Installationen bilden einen wesentlichen Teil der Ausstellung, so thematisiert beispielsweise House of Cards die Ermordung behinderter Menschen im Nationalsozialismus.
Die Besuchenden sind eingeladen, an der Ausstellung mitzuwirken, etwa indem sie die Skulptur Was mich hindert durch eigene Objekte oder Kommentare erweitern. Jeden Dienstag steht eine spendenbasierte Suppenküche allen Besuchenden offen. Immer donnerstags führen die Künstler:innen der Kunstwerkstatt ihre künstlerische Praxis in der Ausstellung fort, wo die Besuchenden gemeinsam mit ihnen Monotypien und Siebdrucke anfertigen können. An einer Fototauschwand sind die Besuchenden aufgefordert, selbstgemachte und vor Ort ausgedruckte Fotos gegen ein Bild ihrer Wahl einzutauschen. Auf diese Weise entsteht eine kollektive Spurensuche rund um den Alexanderplatz, die sich ständig verändert.
Die beteiligten Künstler:innen freuen sich auf den Austausch mit dem Publikum. Denn nicht das „besondere“ Inklusionsangebot lässt sie an einem Ort wie der nGbK teilhaben, vielmehr ist es die Idee, aus der Position innerhalb einer etablierten Kunstinstitution heraus zu arbeiten, um sich als behinderte Künstler:innen aus einer selbstbestimmten Perspektive neu zu positionieren. Auf diese Weise entfaltet die Ausstellung nicht nur politisches Gewicht, sondern auch ein transformatorisches Potenzial für die Institution selbst.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation, die die Künstler:innen ausführlich vorstellt und die Inklusions- und Exklusionsmechanismen der Barrierefreiheit reflektiert.
Künstler:innen: Angelika Bartel, Sarah Al-Darwich, Heidi Fassott, Wolfgang Fassott, Tim Hartung, Harald Krainer, Lutz Marx, Herbert Meyer, Veronika Patzuda, Pooja, Hildegard Wittur
Weitere Beitragende: Nak Nak Kunstlabor (Köln), GoGo Trash (Berlin), Kirsten Schmidt and The Outward Group (London), Thikwa Werkstatt für Theater und Kunst (Berlin), Sandra Merseburger, Gabor Scenzi, Li Li Dinh Thi, Maren Haupt
nGbK-Arbeitsgruppe: Sylvie Lazzarini, David Permantier, Susann Pönisch, Gisa Schraml und Eva Zulauf