Künstler_innenstipendium Istanbul-Berlin
Seit 2018 werden jährlich zwei Stipendien an in Istanbul lebende Künstler_innen vergeben. Das Stipendienprogramm der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert den kulturellen Austausch und unterstützt die künstlerische Entwicklung professioneller Künstler_innen als Bestandteil der aktiven Städtepartnerschaften zwischen Berlin und Istanbul und zur Stärkung der Verbindungen zur aktuellen türkischen Kunstszene. Das bereits bestehende Istanbul-Stipendium der damaligen Senatsverwaltung für Kultur und Europa wurde 2018 auf Initiative der nGbK zu einem echten Austausch erweitert, indem jährlich zwei Künstler_innen aus Istanbul von einer Jury ausgewählt und nach Berlin entsandt werden und umgekehrt. Es folgt der Überzeugung, dass internationaler Austausch und unmittelbare Kommunikation kulturelle Vielfalt als Bereicherung erlebbar werden lassen und zum kritischen Perspektivenwechsel einladen.
Çınar Eslek
15. Januar – 15. Juni 2026
Von Januar bis Juni 2026 ist Çınar Eslek Stipendiatin des Istanbul-Berlin-Stipendiums des Berliner Senats. Die Arbeiten von Çınar Eslek befassen sich mit den Möglichkeiten des Körpers als Ort der Transformation, Hybridität und Vernetzung und untersuchen dabei dessen physische, emotionale und soziopolitische Facetten. Die Künstlerin reflektiert vor allem anhand autobiografischer Bezüge, persönlicher Erfahrungen und kollektiver Erzählungen über die Fähigkeit des Körpers, zu existieren und Handlungen zu erfahren, während sie den Spuren körperlicher Bewegung folgt. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Identität, Barrierearmut und Existenz. Diese Fragestellungen sind stark von ihren eigenen Erfahrungen geprägt und positionieren ihre Arbeit in einem breiteren Diskurs über Zugang, Repräsentation und Resilienz. Mit Medien wie Leinwand, Fotografie, Video, dreidimensionalen Installationen und Textilien schafft sie unheimliche Bildabstraktionen, die konventionelle Normen in Frage stellen.
Während ihres Aufenthalts in Berlin möchte Çınar Eslek ihr interdisziplinäres Projekt „Basting Stitches“ vorantreiben, das sich mit Selbsterhaltung befasst und körperliche Narrative aus der Perspektive von Verletzlichkeit, Unterschiedlichkeit und Resilienz neu interpretiert. Ausgehend von Disability Studies hinterfragt dieses Projekt gesellschaftliche Normen, die mit Macht und Ausgrenzung verbunden sind. Dabei konzentriert sie sich auf feministische, queere, migrantische und marginalisierte Gemeinschaften. Sie möchte vermitteln, dass Barrierefreiheit nicht nur eine physische Anpassung, sondern auch eine kulturelle und soziale Praxis ist. Das Projekt beginnt mit Recherchen und Interviews, um die Erfahrungen von Menschen mit Behinderung und queeren Migranten in Berlin zu dokumentieren und die physischen und emotionalen Auswirkungen unzugänglicher Räume hervorzuheben. Sie möchte ihre Praxis mit neuen Perspektiven und Kooperationen bereichern. Das Stipendium ermöglicht es ihr zu erforschen, wie Kunst die Gemeinschaft fördern, Stimmen verstärken und zu transformativen sozialen Diskursen über Barrierearmut und den Körper beitragen kann.
In ihrer letzten Einzelausstellung „Tack, Limb, Ilizarov“ bei Depo verwendete Eslek genähte Stoffe, von ihr gesammelte Abfälle und Videos, um hybride Formen zu schaffen, die die Möglichkeiten und Grenzen des Körpers ausloten. In ähnlicher Weise befasste sich ihr Beitrag zum Crip Magazine #5 während der 17. Istanbul Biennale mit den Schnittstellen von Behinderung, Identität und gesellschaftlichen Strukturen, indem sie ableistische Normen in Frage stellte und alternative Narrative der Verkörperung anbot. Die Künstlerin gewann den „Borders and Orbits“-Preis (2006), den 26. „Artists of Today“-Preis (2008, Aksanat) und den Istanbul Rotary Art Award (2011). Sie nahm am Residenzprogramm „Cité des Arts” in Paris teil. Außerdem hat sie an renommierten Kunstveranstaltungen in der Türkei teilgenommen, darunter die Çanakkale Biennale, die Istanbul Biennale und die Mardin International Biennale. Als Teilnehmerin der Alternative Art School Platform (2022) beschäftigte sie sich mit Nato Thompsons „All the World’s A Stage”, das sich mit öffentlicher Kunst, interventionistischen Praktiken und Kunst über Unterschiede hinweg befasste, sowie mit Amber Eve Imries „Artists on Social Media”, das die Dynamik der digitalen Präsenz untersuchte.
Nejbir Erkol
15. Juli – 15. Dezember 2025
Von Juli bis Dezember 2025 war Nejbir Erkol Stipendiatin des Istanbul-Berlin-Stipendiums des Berliner Senats. In ihrer künstlerischen Praxis, die Video, Installation, Malerei und Performance umfasst, setzt sich Nejbir Erkol mit Fragen zu Prekarität, Migration, Identität und kollektiver Erinnerung auseinander. Die in der an Syrien grenzenden südostanatolischen Region Mardin geborene Künstlerin greift in ihren Projekten häufig auf ihre eigenen Erfahrungen mit politischer Gewalt und Vertreibung zurück und schafft Räume zur Reflexion darüber, wie Gemeinschaften sich erinnern, sich wiederaufbauen und ihre Geschichte(n) erzählen.
Im Zentrum ihres Langzeitprojekts Çukur (Loch), an dem sie seit 2019 arbeitet, steht eine Rakete, die während einer türkischen Militäroperation nur 97 Schritte von ihrem Haus entfernt einschlug. Die Arbeit konfrontiert die Dissonanz zwischen offiziellen Sicherheitsnarrativen und dem Leben in einem Kriegsgebiet. Durch diesen und weitere Vorfälle drängt sich für die Menschen zunehmend die Frage auf: Was ist ein sicherer Raum? Und gibt es so einen für uns?
Während ihrer Zeit in Berlin erforschte Erkol, wie Kunst mit verschiedenen Gemeinschaften, Räumen und Praktiken zusammenwirkt, um sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und diese neu zu gestalten. Ihr besonderes Interesse galt den fragilen Spuren, die Krieg in der Gesellschaft – sowohl in Berlin als auch in ihrer Heimatregion – hinterlässt, und dem Verständnis, wie wiederholte Erfahrungen von Gewalt und Entwurzelung kollektives Gedächtnis und künstlerischen Ausdruck verändern.
Darüber hinaus eröffnete der Aufenthalt in Berlin Erkol die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten, die wie sie selbst vertrieben wurden, und zu erfahren, was es bedeutet, ein „zweites Leben“ in Deutschland zu beginnen. Ihr Projekt dokumentierte diese Erfahrungen ging der Frage nach, wie unter freiheitlichen Bedingungen Geschichten ohne Zensur erzählt werden können: was geteilt werden kann und wie.
Durch Kontakte mit der Diaspora aus Mardin konnte Erkol ein Archiv persönlicher Geschichten und künstlerischer Antworten auf Vertreibung, Identität, Geschlecht, Migration und Prekarität schaffen. Ihre Arbeit möchte weiterhin einen Beitrag zu einer breiteren Perspektive darüber leisten, wie Gemeinschaften nach Gewalt- und Verlusterfahrungen wiederaufgebaut werden können.
Erkol schloss ihr Studium der Malerei an der Hacettepe Universität in Ankara mit einer Arbeit über künstlerische Praktiken zum Thema Prekarität ab. Sie hat an zahlreichen internationalen Ausstellungen und Forschungsprogrammen teilgenommen, darunter Flux | bell sRTUcTURs (Berlin, 2024), Festival SACRe – Gaîté Lyrique (Paris, 2023), die 5. Mardin Biennale (Mardin, 2022) und SAHA Studio (Istanbul, 2025). Im Jahr 2023 gehörte sie zu den Preisträger_innen des Prince Claus Seed Award. Vor Kurzem eröffnete ihre Ausstellung „Making a Land“ in der Galerie Vitrin des Goethe-Instituts Ankara, Türkei.
Das Stipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt wird im Rahmen einer Kooperation zwischen der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) und dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin sowie dem DEPO in Istanbul ermöglicht.