D03 Europe Unbound

Format: Ausstellung, Veranstaltungen und Publikation

Wo liegt Europa? Oft scheint es, als würde man sich weiter entfernen, je näher man kommt. In Europa unterstreicht jede Region ihre eigene Identität, die reich an Sprachen und Dialekten, Festen und Traditionen, Stereotypen und Bräuchen ist, die sich selbst von denen ihrer nächsten Nachbar_innen unterscheiden. Hängt die Harmonie der europäischen Identität von der Uneinigkeit ab, die sie vorschiebt, um ihre Grenzen zu markieren? Wie in einem Spiegelkabinett benötigt das Versprechen Europas ein fragmentiertes Anderes, um ein harmonisches Ganzes herzustellen.
Diese Ausstellung bringt zeitgenössische Kunst mit historischen Artikulationen einer kollektiven europäischen Identität ins Gespräch. Sie beginnt mit Werken, die sich mit dem Thema „The Rape of Europa“ – „Die Vergewaltigung Europas“ auseinandersetzen, einem griechischen, in der frühen Moderne wiederverwendeten und verbreiteten Mythos, der eine geografische Region mit proteischen Grenzen durch eine Erzählung vielschichtiger Gewalt vereint. Der Name des Mittelmeerraums als Erinnerung an die Vergewaltigung einer jungen Frau, die von einem als Stier getarnten Gott aus ihrer Heimat an den Küsten des östlichen Mittelmeers entführt wurde, lässt die Ebenen kultureller Aneignung von Ost nach West erahnen, aus denen sich Europas Selbstdefinition zusammensetzt. Dieses Erbe beinhaltet auch die Transformation pan-mediterraner Mythologien zu griechischer Mythologie, ihre Wiederaufnahme als Teil der Religion des Römischen Reiches, ihre Ablehnung durch die alte Kirche und ihre Auferstehung als säkulares pan-europäisches Vermächtnis und Rechtfertigung für den europäischen Expansionismus. Diente „Europa“ anfangs nur als Bezeichnung für das westliche Ufer der Ägäis, weitete sich seine geografische Bedeutung bis zum neunten Jahrhundert aus, um nun auch die lateinische Kirche mit ein- und andere Religionen von der Identität des Kontinents auszuschließen.

Als sich die Renaissance zunehmend säkularen Formen kollektiver politischer Identität zuwandte, trugen Künstler_innen wie Albrecht Dürer, Tizian, Paolo Veronese und, in einer späteren Generation, Francesco Goya dazu bei, dass die Vergewaltigung Europas die europäische Selbstidentifikation prägte. Die Ausstellung untersucht diese Ambiguität durch Projektionen dieser Werke in Verbindung mit zeitgenössischen Arbeiten von Wael Shawky, Mary Reid und Patrick Kelley, Ezgi Erol und anderen. Welche Verbindung besteht zwischen der heutigen Exploration Europas und dem Vermächtnis von Gewalt, Aneignung und Vertreibung in diesem Mythos, von dem die Region ihren Namen hat?
Im weiteren Verlauf der Ausstellung finden sich Überlegungen zur Produktion und Repräsentation von Alterität in Europa, mit Arbeiten von Beatrice Schütt Moumdjian, Slavs & Tatars, Damir Nikšić und andere Künstler_innen, die der Frage nachgehen: Wie stellen Regionen in Europa das „Andere“ dar, sowohl durch überregionale Stereotypen als auch durch oft rassifizierte Tropen?
Wie kann ein Europa, das sich zum Großteil durch sein christliches Vermächtnis begreift, Menschen verschiedener Religionen in eine Moderne integrieren, die außerdem von Atheismus, Agnostizismus und Säkularismus beherrscht ist? Diese Ausstellung wird „Europa“ weniger als eine Region mit klaren geografischen Grenzen und einem einheitlichen kulturellen Erbe erkunden, sondern vielmehr als ein fortwährendes Aushandeln dessen, was gewesen ist, was sein wird und was sich durch die gemeinsame Handlungsmacht seiner Völker im Aufbau befindet.